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Die Suche nach der verlorenen menschlichen Natur

Editorial zum Newsletter 3.09

Dr. med. Friedrich Douwes
Klinik St. Georg
Bad Aibling

Es wird gerade wieder modern, die Zelle und die Gene des Menschen in den Mittelpunkt der therapeutischen Überlegungen zu stellen. Die Hoffnungen sind auf so genannte „Targets“ gerichtet, mit denen bestimmte Stellen in der Zelle, an den Signalketten der Zellen und an Genen gezielt angegangen werden.

Aber der Mensch ist mehr als die Summe seiner Zellen, Gene und chemischen Reaktionen. Der einseitige Glaube an die Naturwissenschaft und Technik dominiert noch immer, als hätten wir nichts gelernt. Dabei sollte doch unsere wichtigste Aufgabe sein, den Menschen, den die Evidenz basierte Medizin in ihrem Streben nach Wissenschaftlichkeit längst aus den Augen verloren hat, wieder in den Mittelpunkt unserer Betrachtungen zu stellen.

Leider ist es eine bedauerliche Tatsache, dass dort, wo das Messbare im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit steht, das eigentlich Menschliche nicht die Bedeutung erlangt, die notwendig und wünschenswert wäre. Das soll natürlich nicht gleich die Aufforderung sein, das Messen ganz zu lassen, sondern nur, sich darüber klar zu werden, dass die gemessene Funktion nur ein Teil des Ganzen ist. Nicht mehr und nicht weniger.

Die Medizin fühlt sich der Naturwissenschaft verpflichtet

Warum bleibt aber das Menschliche in der modernen Medizin so oft auf der Strecke? Daran sind nicht nur die modernen Apparate und Geräte schuld, auch nicht die Überlastung des Klinikpersonals oder der vom System aufgezwungene chronische Zeitmangel der Ärzte. Dies alles sind nur die Symptome und nicht die Ursache. Die Ursache liegt vielmehr darin, dass sich die Medizin - so wie fast alle Wissenschaften - der Naturwissenschaft verpflichtet fühlt. Sie befindet sich in dem irrigen Glauben, dass es nur eine ausschließlich naturwissenschaftliche Medizin geben kann. Diese Medizin wird dogmatisiert oder in Leitlinien gepresst, was die Therapien anbelangt.

Diese Identifizierung der universitären Medizin mit der Naturwissenschaft ist vor allem schuld daran, dass sich Patienten von dieser Medizin oft nicht mehr wie Menschen behandelt fühlen. So wie in den modernen Naturwissenschaften von der Natur kaum noch die Rede ist, so steht bei der Selbstverpflichtung an die Naturwissenschaft in der modernen Medizin die menschliche Natur nicht mehr im Mittelpunkt.

Steht aber der Erfolg der naturwissenschaftlichen Medizin außer Zweifel?

Natürlich nicht. Die Denkweise der Naturwissenschaften war und ist außerordentlich erfolgreich, aber nicht, weil sie die richtige Betrachtung hat, sondern weil sie eng und sehr einseitig ist. Sie erlaubt nur gemessene, signifikante Fakten. Dabei kommt den meisten auch gar nicht in den Sinn, dass dies nur die halbe Wahrheit ist. Weil Fakten zunächst noch gar nichts besagen, denn erst ihre richtige Zusammensetzung und ihre richtige Interpretation macht sie verwertbar. Fakten ändern sich ja nicht, aber es gibt andererseits kaum wissenschaftlichen Fakten, die nicht nach Jahren, Jahrzehnten oder Jahrhunderten völlig anders gesehen und gedeutet werden. Denn auch die Naturwissenschaft wird fast immer vom vorherrschenden Weltbild geprägt, und das wandelt sich - so lange es lebendig und nicht zum Dogma erstarrt ist.

Die moderne Medizin umfasst nur einen kleinen Ausschnitt der Wirklichkeit und wird durch Lehrmeinungen, Leitlinien und Gruppeninteresse eingeengt. Eine ganzheitliche Naturforschung kann nicht von irgendwelchen Teilen oder Systemen ausgehen, sondern muss ganzheitlich denken, die ganze Fülle des Seins im Auge behalten und damit auch Physis und Psyche als komplementäre Aspekte derselben Wirklichkeit auffassen. Unser Körper in seiner Ganzheit ist eine geniale Schöpfung der Natur. Er ist mit allen Mechanismen ausgestattet, sich am Leben zu erhalten und neues Leben zu schaffen. So verfügt jeder gesunde Mensch über körpereigene Regulationsmechanismen und Selbstheilungskräfte, die das natürliche Gleichgewicht der Körperfunktionen, die so genannte Homöostase aufrechterhalten oder bei Bedarf wiederherstellen. Es ist also nicht der Arzt, der heilt und es sind auch nicht die Medikamente, die er verschreibt, sondern es ist unser eigener natürlicher Regulationsmechanismus, unsere Selbstheilungskräfte.

Natur ist ungeteilte Ganzheit

Nicht zuletzt von der Quantentheorie her müssen wir also feststellen, dass die Natur eine ungeteilte Ganzheit darstellt, die sich selbst reguliert! Das heißt, eine Ganzheit mit vielen tausend Teilen. Die Teile aber, die wir erforschen, sind Konstruktionen, derer wir uns bei der Suche nach der verlorenen menschlichen Natur bedienen. Dabei sollte klar sein, dass die Ganzheit gar nicht durch eine Beschreibung von Einzelteilen, sondern nur durch die Vielzahl von komplementären, gleichzeitig stattfindenden Vorgängen erfasst werden kann. Die Wirklichkeit kann aber auf viele sehr unterschiedliche Arten zerlegt und beschrieben werden. Dies ist die Grundlage der verschiedenen Systeme und der Organmedizin.

Was aber ist ein Mensch?

Der Mensch ist mehr als die Summe seiner chemischen und physikalischen Reaktionen. Ein allein auf Materie ausgerichtetes Menschenbild kann dazu führen, dass wichtige ethische Werte missachtet werden. So kann ein Tunnelblick auf die Gene die Sicht auf die vielfältigen Facetten des Phänomens Krankheit, auf soziale und psychische Aspekte und krankmachende Konsum-, Arbeits- oder Umweltfaktoren versperren. So kann die vollständige Entschlüsselung des menschlichen Genoms zwar mit dazu beitragen, Krankheiten ursächlich zu behandeln. Sie birgt aber auch die Gefahr der Klonierung von Menschen, sowie der Enteignung und kommerziellen Ausbeutung menschlicher Körpersubstanzen in sich. Hier erhält die Freiheit der Wissenschaft und Lehre für mich ihre Begrenzung durch die Unantastbarkeit der Würde des Menschen.

Die klassische Schulmedizin orientiert sich zudem weitgehend an der Biochemie. Das heißt, es darf nur das vorhanden sein, was wir sehen bzw. anfassen können. Doch wer nur Materie sucht, kann auch nur Materie finden.

So ist bekannt, dass beispielsweise Krebs über mehrere Jahre im Körper entsteht, ohne das wir ihn mit unseren hochtechnischen, diagnostischen Möglichkeiten entdecken können. Erst wenn der Krebs sich materialisiert und Struktur in Form von Tumorgewebe angenommen hat, lässt er sich nachweisen. Doch dann ist es bereits kurz vor zwölf. Welch ein Segen wäre es, wenn man bei einem Krebspatienten z.B. mit biophysikalischen Methoden das Energiedefizit messen könnte, um so eine rechtzeitige Umkehr der Tumorbildung einzuleiten - bevor die Katastrophe ausbricht. Ansätze in dieser Richtung gibt es. Das passt aber nicht in das starre Weltbild der etablierten Medizin, die nicht von ihrer biochemischen Denkweise abrückt und beispielsweise biophysikalische oder psychische Phänomene nicht oder nur zögernd akzeptiert.

Durch diese sich immer weiter ausbreitende materiell- chemische Denkweise hat sie nicht nur sich selbst, sondern auch die Menschheit von den natürlich- lebendigen Zusammenhängen isoliert. Es überrascht auch nicht mehr, dass uns mittlerweile jedes Verständnis für die einfachen, natürlichen Zusammenhänge fehlt. Analysieren wir z.B. den lebenden und den gerade verstorbenen Körper eines Menschen, so finden wir - chemisch betrachtet - keine Unterschiede in der chemischen Analytik seiner Materie. Knochen, Organe sind die gleichen, ja selbst der Zellbereich und die Moleküle sind unverändert, solange die Untersuchung zeitnah erfolgt. Das Gewicht ist gleich, manchmal sogar die Temperatur. Dennoch lebt der eine Körper und der andere ist tot. Er zerfällt in seine Bestandteile, wird zu Erde und Staub. Ein und dieselbe Materie. Welche Macht und Kraft, ja welche Energie muss dafür sorgen, dass jegliche Materie so geformt und strukturiert zusammengehalten wird, dass sie diesen lebendigen Körper bildet, wie wir ihn kennen? Um genau diese Lebendigkeit geht es uns in einer ganzheitlichen, humanistischen Medizin.



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