Galvano- oder elektrochemische Tumortherapie

Einleitung

Der Gleichstrom findet schon seit vielen Jahren eine breite Anwendung in der Medizin. Besonders in der Orthopädie/Sportmedizin und der Neurologie wurde er zur Schmerzbehandlung und zur Regeneration, z.B. zur schnellen Knochenheilung, eingesetzt. In der Onkologie dagegen ist die Anwendung des galvanischen Stromes relativ neu und geht auf Forschungsarbeiten von Pekar und Nordenström zurück. Die Klinik St. Georg beschäftigt sich mit dieser Therapieform schon seit 1987 und behandelte bereits über tausend Patienten mit diesem Verfahren. Durch das Anlegen von Elektroden an tumoröses Gewebe, seien es nun Hautmetastasen, Lymphknotenmetastasen oder isolierte Organmetastasen, fließt bei der elektrochemischen Therapie (ECT) oder Galvanotherapie Gleichstrom durch das tumoröse Gewebe. Wenn die Gesamtstrommenge hoch genug ist, kann dieses Verfahren zur Abtötung des Krebsgewebes und im Extremfall zur Nekrotisierung (völliges Absterben) führen.

Physikalisch-chemische Grundlagen der ECT

Sobald eine Gleichspannung an den Elektroden anliegt, ändern sich durch verschiedene chemo-elektrische Vorgänge ph-Wert und elektrische Ladung des Tumorgewebes. Es kommt hierbei zu einer Depolarisierung der Zellmembranen, so dass die Stoffwechselfunktionen der Zellmembranen (Elektrolytpumpen, Nährstoffpumpen usw.) empfindlich gestört werden. Dadurch werden wichtige Lebensprozesse der Krebszellen unterbrochen, was zum Absterben der Krebszellen führen kann. Tumorgewebe hat einen wesentlich geringeren elektrischen Widerstand als gesundes Gewebe, so dass sich der Stromfluss vorwiegend auf bösartiges Gewebe konzentriert und damit eine gezielte Abtötung von malignem Gewebe möglich ist. Das zerstörte maligne Gewebe wird durch körpereigene Abbauvorgänge eliminiert. Hierbei besteht die Möglichkeit, dass eine Immunisierung eintritt, d.h., dass das Immunsystem auch andere im Körper vorhandene Krebsherde erkennen und angreifen kann. Nach erfolgreichem Einsatz der Galvanotherapie kommt es zur Abheilung des behandelten Tumorbezirks und zur Bildung einer Narbe.

Bei welchen Tumorarten wird die elektrochemische Therapie (ECT) angewendet?

Die ECT eignet sich für alle oberflächliche und tiefergelegene Tumore und Metastasen, die mit Nadelelektronen zu erreichen sind. Besonders bieten sich dafür an:

  • kleine Mamma-Karzinome oder isolierte, axilläre, supra claviculäre oder thorakale Knoten
  • alle Tumore des HNO-Bereichs, insbesondere Rezidive nach Strahlen- und Chemotherapie
  • Hautkarzinome, wie Basaliome, Spinaliome, Melaniome etc.
  • gynäkologische Karzinome
  • Weichteiltumore

Sonderform der Galvanotherapie: die Kombination mit Zytostatika (Iontophorese)

Bei den Zytostatika handelt es sich meist um kationische (positiv geladene) Substanzen, die über die Anode im elektrischen Feld durch das Tumorgewebe zur Kathode wandern. Auf diese Art und Weise können gezielt und konzentriert Zytostatika in das tumoröse Gewebe eingebracht und gleichzeitig verteilt werden, viel besser als bei der systemischen Chemotherapie oder der lokalen Zytostatika-Perfusion. Für die Iontophorese sind besonders Hohlorgane wie Harnblase, Speiseröhre, Magen und Rektum geeignet. Durch den Strom werden die Membranpotentiale so verändert, dass die Zellen sich öffnen und stärker als sonst Zytostatika aufnehmen. Zudem entfalten letztere im sauren Milieu der Anode eine höhere Aktivität. Dies führt dazu, daß manches Lokalrezitiv, das nicht mehr durch eine Operation, Strahlen- oder Chemotherapie behandelbar ist, noch der ECT zugeführt werden kann.

Wie wird die Therapie durchgeführt?

Die Behandlung wird in der Regel in Lokalanästhesie und ambulant durchgeführt. Je nach Tumorgröße sind zwei oder mehr Elektroden notwendig, die als dünne Nadeln durch die Haut in den Tumor eingebracht werden. Die Elektroden sollten keinen größeren Abstand als 1,5 cm haben. Die erforderliche Gesamtstrommenge beträgt mindestens 35 Coulomb/ml Tumorgewebe, im allgemeinen jedoch bis zu 90 Coulomb/ml. Während der Behandlung tritt ein leichter Druckschmerz oder ein leichtes Kribbeln in dem behandelten Gebiet auf. Therapiert wird stets unter der Schmerzgrenze. Da der Gleichstrom im durchflossenen Gewebe eine langandauernde Schmerzdämpfung durch die Hemmung der Aktivität der sensorischen Nervenfasern hervorruft, treten auch nach der Therapie nur selten Schmerzen auf. Die Abtötung des Krebsgewebes führt zwar zu einer entzündlichen Reaktion, die sich aber nach wenigen Tagen zurückbildet. Das Krebsgewebe wird auf natürlichem Weg, z.B. durch erhöhte Freßzellenaktivität, abgebaut, aus dem Körper eliminiert und durch Narbengewebe ersetzt. Eine eventuell auftretende Nekrosezone heilt ab und hinterläßt nur eine glatte Narbe. Superinfektionen treten nur selten auf. Die elektrochemische Tumortherapie (ECT) ersetzt in weiten Bereichen operative und strahlentherapeutische Behandlungen. Nach den bisher sehr positiven Therapieergebnissen wird sich die Galvanotherapie bei malignen Erkrankungen in den nächsten Jahren als Therapiemöglichkeit etablieren.

Literatur

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in: Thieme Verlag

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