Cannabis ist bisher hauptsächlich als psychotrope und psychoaktive Substanz bekannt. Der gängige Einsatzbereich von Cannabis für medizinische Zwecke, wie zum Beispiel beim Schmerzsyndrom und bei der Kachexie, deckt tatsächlich nur einen kleinen Teil der möglichen Wirkung von Cannabis ab. Wir verfügen über ein körpereigenes Endocannabinoid-System, das neben seiner Funktion im zentralen Nervensystem auch an der Steuerung des Immunsystems beteiligt ist.

Cannabinoide und das Endocannabinoid-System

ndocannabinoid-System
CB1-Rezeptoren finden sich vorwiegend in Nervenzellen (Kleinhirn, Hippocampus), aber auch im Darm.
CB2-Rezeptoren finden sich vorwiegend auf Zelllen des Immunsystems (z. B. Mastzellen) und in der Peripherie.

Das Endocannabinoid-System umfasst unter anderem die Cannabinoid-Rezeptoren CB1 und CB2. Diese Rezeptoren werden durch Cannabinoide aktiviert. Beide Rezeptoren modu­lieren verschiedene Ionenkanäle.

Die folgende Liste stellt nur eine kleine Auswahl von Krankheiten dar, bei denen der medizinische Nutzen von Cannabis durch Forschungen belegt ist:

 

Wie wirkt Cannabis?

Endocannabinoide sind Wirkstoffe, die der menschliche Körper selbst produzieren kann und die an Cannabinoid-Rezeptoren binden (z. B. PEA – Palmitoylethanolamid).

Mit ihrer entzündungshemmenden Wirkung beeinflussen Endocannabinoide die Aktivität der Mastzelle und der Nervenfasern. Um zu verhindern, dass Entzündungen zu chroni­schen Nervenfehlfunktionen führen, können Endocannabinoide genutzt werden: Mit ihrer Hilfe wird das Immunsystem nach der Entzündungsreaktion wieder ins natürliche Gleichgewicht gebracht.

Das bekannteste Cannabinoid ist THC.

Das bekannteste Cannabinoid ist THC (Delta-9-Tetrahydrocannabinol). Ihm werden die meisten medizi­nischen Wirkungen zugeschrieben. Weitere wichtige Cannabinoide sind Cannabidiol, Can­nabichromen und Cannabigerol. Die genaue Wirkungsweise der Cannabinoide im Körper war lange Zeit nicht klar. Ende der achtziger Jahre fand man schließlich Rezeptoren an der Zelloberfläche, an denen die Cannabinoide andocken. Diese Rezeptoren finden sich vor allem im Gehirn und im Rückenmark. Wenn die Cannabinoide hier binden, können sie die Schmerzweiterleitung unterbrechen und damit das Schmerzempfinden dämpfen.

Eine hohe Konzentration von Cannabis-Rezeptoren findet sich auch in Kleinhirn und Basalganglien, also in den Hirnbereichen, die für die Koordi­nation von Bewegungen zuständig sind. Dies erklärt den Einfluss von Can­nabis auf die Muskeltätigkeit. Weiterhin befinden sich Cannabis-Rezeptoren in einem Teil des Gefühlszentrums (limbisches System) sowie in dem Teil des Gehirns, der für Bewusstsein und Gedächt­nis zuständig ist (vordere Großhirnrinde). Damit wird verständlich, warum Cannabis antidepressiv wirkt und sogar eine Hochstimmung hervorrufen kann.

Weitere Rezeptoren sind in einigen inneren Organen und Drüsen zu finden. Welche Wirkung die Cannabinoide hier hervorrufen, wird derzeit noch erforscht. Eine positive Wirkung bei Darmerkrankungen ist aber bereits belegt.

Die Frage nach der Aufgabe des körpereigenen Cannabinoid-Systems wurde 1992 sen­sationell beantwortet: Der Körper bildet mit Endocannabinoiden selbst Botenstoffe, die den Cannabinoiden ähneln und an die gleichen Rezeptoren andocken. Der Begriff Endocannabinoide bedeutet „im Körperinneren gebildete Cannabinoide“. Die Botenstoffe bilden sich zum Beispiel auf bestimmte Schmerzreize hin. Zudem scheint in einigen Hirnbereichen eine kontinuierliche Bildung von Endocannabinoiden auch ohne vorherige Reizeinwirkung stattzufinden.

Die Endocannabinoide haben das gesamte Wirkungsspek­trum, welches auch für THC bekannt ist. Allerdings sind sie in ihrer Wirkung wesentlich schwächer und werden schneller abgebaut. Die therapeutische Gabe von Cannabis unterstützt und verstärkt also das System, welches der Körper selbst zur Schmerzkontrolle und Bewegungskoordination einsetzt.

Wirkungen und Heilanzeigen

Die sieben Hauptwirkungen der Cannabinoide sind:

  • Beruhigung und Angstlösung
  • Stimmungsaufhellung
  • Schmerzlinderung
  • Appetitanregung
  • Wirksamkeit gegen Übelkeit und Erbrechen
  • Krampflösung und Muskelentspannung
  • antientzündliche Wirkung

Das Besondere an den Cannabinoiden besteht demnach darin, dass sie unterschiedliche Wirkungen her­vorrufen können. Dies kann insbesondere bei multisymptomatischen Krankheiten genutzt werden, also bei Krankheiten mit unterschiedlichen Beschwerden: Bei diesen müssen unterschiedliche Medikamente gefunden werden, die miteinander harmonieren und keine unerwünschten Wechselwirkungen hervorrufen.

Hier bietet Cannabis einen ent­scheidenden Vorteil: Mit einem Stoff können viele Beschwerden therapiert werden, ohne dass unbeabsichtigte Wechselwirkungen hervorgerufen würden. So erweist sich der gleichzeitig stimmungsaufhellende, angstlösende und appetitsteigernde Effekt zum Beispiel bei Krebs oder neurologischen Krankheiten, aber auch bei chronischer Borreliose als vorteilhaft.

Bei folgenden Heilanzeigen kann die Gabe von Cannabispräparaten sinnvoll sein:

Krebs und Aids: Hier wirkt es gegen Übelkeit und Erbrechen, die im Zusammenhang mit der Chemotherapie auftreten können, sowie gegen Schmerzen, bei depressiver Verstimmung und zur Appetitsteigerung.

Multiple Sklerose: Cannabis kann hier bei der Behandlung von Muskelkrämpfen sowie depressiven Verstimmungen Abhilfe schaffen.

Chronische und neuropathische Schmerzen: Es unterstützt das körpereigene Schmerzabwehrsystem und wirkt stimmungsaufhellend.

Grüner StarHier kann Cannabis helfen, den erhöhten Augeninnendruck zu senken.

Cannabis und seine Antitumor-Aktivität

Schon in ersten Studien der 1950er zeigten Forscher eine direkte Antitumoraktivität von Cannabinoiden auf. Weitere Untersuchungen identifizierten die chemischen Strukturen von Cannabis, die für diese Wirkung verantwortlich sind.

Mit diesen Erkenntnissen wurden weitere synthetische Cannabinoide entwickelt. Diese zeigten wie auch die natürlichen Cannabinoide eine signifikante Antitumoraktivität in Zellen und Tieren. Die starke Antitumoraktivität wird auf bestimmte Proteine, einschließlich NFĸB, TNF, COX-2 HAT, FAT und Cyclin-abhängige Kinasen zurückgeführt.

Erste klinische Phase-I-Studien an Hirntumoren wurden bereits mit vielversprechenden Ergebnissen durchgeführt. Auch das US-Gesundheitsministerium hat bestätigt, dass Studien gezeigt haben: „Cannabis tötet Krebszellen“.

Nebenwirkungen

Wie jedes Arzneimittel hat auch Cannabis bestimmte Nebenwirkungen. So kann von einem Patien­ten die muskelentspannende Wirkung als sehr angenehm, die Appetitsteigerung jedoch als eher unangenehm empfunden werden. Als physische Nebenwirkungen können Mundtrockenheit, Schwindel und Herzfre­quenzbeschleunigung auftreten. Demgegenüber sind die psychischen Wirkungen in der von uns verwendeten medizinischen Do­sierung aber gering. Zudem sind die Nebenwirkungen von Cannabis, wenn sie überhaupt auftreten, dosisabhängig und verschwinden innerhalb von Stunden.

Kontraindikationen

Schwangere und Stillende sowie Patienten mit einer Herzerkrankung sollten Cannabis nicht nehmen.

Rechtliches

Cannabis und seine Produkte unterliegen in Deutschland dem Betäubungsmittelgesetz (BtMG). Cannanbis ist in der Anlage I aufgeführt, es ist deshalb weder verkehrsfähig noch verschreibungsfähig. 1994 wurde das Cannabinoid THC, das ursprünglich auch in der Anlage I stand, in die Anlage II umgestuft. Es ist nun also verkehrsfähig, aber nicht verschreibungsfähig. Ärzten ist unter bestimmten Umständen der Um­gang mit THC erlaubt.

In der Anlage III steht auch das synthetisch hergestellte Nabilon mit THC-ähnlicher Struktur und Wirkung. Es ist auf Betäubungsmittelrezept erhältlich, muss allerdings aus Großbritannien importiert werden, da es in Deutschland nicht hergestellt wird. In Amerika ist seit 1987 das Arzneimittel Marinol erhältlich, das den THC-Extrakt enthält. Auch Marinol muss importiert werden. Außerdem ist es sehr teuer.

In Deutschland darf THC seit 1998 unter dem Namen Dronabinol als Rezepturarzneimittel verschrieben werden. Es wird vom Apotheker ölig angerührt. Zudem kann neuerdings auch Sativex mit den Wirkstoffen THC und CBD vom Arzt auf einem BtM-Rezept verschrieben werden. Es steht als Fertigarzneimittel in Sprayform zur Verfü­gung.

 

Literatur:
  1. HC / Dronabinol / Marinol Efficacy Trial of Oral Tetrahydrocannabinol in Patients With Fibromyalgia (Wirksamkeitsstudie von oralem Tetrahydrocannabinol bei Patienten mit Fibromyalgie) bei der Hadassah Medical Organization, Jerusalem, Israel.
  2. Nabilone / Cesamet Efficacy and Safety Evaluation of Nabilone as Adjunctive Therapy to Gabapentin for the Management of Neuropathic Pain in Multiple Sclerosis (Beurteilung der Wirksamkeit und Sicherheit von Nabilon als Zusatztherapie zu Gabapentin bei der Behandlung neuropathischer Schmerzen bei multipler Sklerose) an der Universität von Manitoba, Winnipeg, Kanada.
  3. Nabiximols / Sativex A Study of Sativex® for Relieving Persistent Pain in Patients With Advanced Cancer (Studie mit Sativex zur Linderung anhaltender Schmerzen bei Patienten mit fortgeschrittenem Krebs) in den USA, Großbritannien und Deutschland.
  4. Cannabidiol (CBD) Cannabidiol for Inflammatory Bowel Disease (Cannabidiol bei chronisch-entzündlicher Darmerkrankung) am Meir Medical Center, Kefar Saba, Israel.
  5. Gerauchter / inhalierter Cannabis Comparing the Effects of Smoked and Oral Marijuana in Individuals With HIV/AIDS (Vergleich der Wirkungen von gerauchtem und oralem Marihuana bei Personen mit HIV/Aids) am Staatlichen Psychatrischen Institut von New York, USA.
  6. Effects of Vaporized Marijuana on Neuropathic Pain (Wirkungen von verdampftem Marihuana auf neuropathische Schmerzen) am CTSC Clinical Research Center, Sacramento.