Cannabinoide und das Endocannabinoid-System

Cannabinoide und das Endocannabinoid-System

Cannabis ist bisher hauptsächlich als psychotrope und psychoaktive Substanz bekannt.

Die Verwendung von Cannabis für medizinische Zwecke, wie z.B. bei Schmerzsyndrom und Kachexie stammt allerdings aus alten Zeiten. Wir verfügen über ein körpereigenes Endocannabinoid-System, das neben seiner Funktion im zentralen Nervensystem auch an der Steuerung des Immunsystems beteiligt ist.

Das Endocannabinoid-System umfasst u. a. die Cannabinoid-Rezeptoren CB1 und CB2. Diese Rezeptoren werden durch Cannabinoide aktiviert. Beide Rezeptoren modulieren verschiedene Ionenkanäle.

Hier nur eine kleine Auswahl von Forschungsergebnissen, die den medizinischen Nutzen von Cannabis belegen z.B. bei:

  • Alzheimer Krankheit
  • Krebs
  • chronischen Schmerzen
  • Diabetes
  • Epilepsie
  • Fibromyalgie
  • Magen-Darm Erkrankungen
  • HIV
  • Multiple Sklerose
  • Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS)
  • Harninkontinenz

Cannabinoid-Rezeptoren und Endocannabinoide

Wie wirkt Cannabis?

Dazu muss man etwas über Endocannabinoide, das sind Wirkstoffe welche der Körper selber bilden kann und die an Cannabinoid-Rezeptoren binden und im menschlichen Körper selbst produziert werden (z. B. PEA – Palmitoylethanolamid).

Mit ihrer entzündungshemmenden Wirkung beeinflussen Endocannabinoide die Aktivität der Mastzelle und der Nervenfasern. Damit Entzündungen nicht überreagieren und zu chronischen Nervenfehlfunktionen führen, können die Auslöser der Entzündungsreaktion mit Endocannabinoiden ins natürliche Gleichgewicht gebracht werden.

Das bekannteste Cannabinoid ist das THC

Das bekannteste Cannabinoid ist das THC (Delta-9-Tetrahydrocannabinol), dem die meisten medizinischen Wirkungen zugeschrieben werden. Weitere wichtige Cannabinoide sind Cannabidiol, Cannabichromen und Cannabigerol.

Die Wirkungsweise der Cannabinoide im Körper war lange Zeit nicht klar, bis man Ende der achtziger Jahre so genannte Rezeptoren an der Zelloberfläche fand, an denen die Cannabinoide „andocken“.

Diese Rezeptoren sind zum einen vor allem in Gehirn und Rückenmark vorhanden. Wenn hier die Cannabinoide binden, können sie die Schmerzweiterleitung unterbrechen und das Schmerzempfindendämpfen.

Eine hohe Konzentration von Rezeptoren findet sich auch in den Hirnbereichen, die für die Koordination von Bewegungen zuständig sind (Kleinhirn und Basalganglien). Dies erklärt den Einfluss von

Cannabis auf die Muskeltätigkeit. Weiterhin befinden sich Cannabis-Rezeptoren in einem Teil des Gefühlszentrums (Limbisches System), sowie in dem Teil des Gehirns, der für Bewusstsein und Gedächtnis zuständig ist (vordere Großhirnrinde).

Damit wird verständlich, warum Cannabis antidepressiv wirkt und sogar eine Hochstimmung hervorrufen kann. Weitere Rezeptoren sind in einigen inneren Organen und Drüsen zu finden. Welche Wirkung die Cannabinoide hier hervorrufen, wird derzeit erforscht. Eine positive Wirkung bei Darmerkrankungen ist aber belegt.

Die Frage nach der natürlichen Aufgabe des körpereigenen Cannabinoid-Systems wurde 1992 sensationell beantwortet: Der Körper bildet selbst Botenstoffe, die den Cannabinoide ähneln und die an die gleichen Rezeptoren andocken: die Endocannabinoide.

Dies bedeutet so viel wie „im Körperinnern gebildete Cannabinoide“. Diese scheinen sich z. B. auf bestimmte Schmerzreize hin zu bilden. Zudem scheint in einigen Hirnbereichen eine kontinuierliche Bildung ohne Reize stattzufinden.

Die Endocannabinoide, also die in unserem Körper gebildeten Cannabinoide haben das gesamte Wirkungsspektrum, das auch von THC bekannt ist, allerdings sind sie in ihrer Wirkung wesentlich schwächer und werden auch schneller abgebaut.

Die therapeutische Gabe von Cannabis unterstützt und verstärkt also das System, das der Körper selbst zur Schmerzkontrolle und Bewegungskoordination aufgebaut hat.

Wirkungen und Heilanzeigen

Die sieben Hauptwirkungen der Cannabinoide sind im Einzelnen:

  • beruhigend und angstlösend
  • stimmungsaufhellend
  • schmerzlindernd
  • appetitanregend
  • wirksam gegen Übelkeit und Erbrechen
  • krampflösend und muskelentspannend
  • antientzündlich

Das Besondere an den Cannabinoiden besteht also darin, dass sie unterschiedliche Wirkungen hervorrufen können. Da es so genannte multisymptomatische Krankheiten gibt, also Krankheiten mit vielen unterschiedlichen Beschwerden, müssen unterschiedliche Medikamente gefunden werden, die miteinander harmonieren und keine Wechselwirkungen hervorrufen.

Hier bietet Cannabis einen entscheidenden Vorteil: Man kann mit einem Stoff viele Beschwerden auf einmal therapieren, ohne dass sich unwillkommene Wechselwirkungen entwickeln. So erweist sich der gleichzeitig stimmungsaufhellende, angstlösende und appetitsteigernde Effekt bei Krebs oder neurologischen Krankheiten als vorteilhaft.

Bei folgenden Heilanzeigen kann die Gabe von Cannabispräparaten sinnvoll sein:

  • Krebs und Aids: Hier wirkt es gegen Übelkeit und Erbrechen im Zusammenhang mit der Chemotherapie, sowie gegen Schmerzen, bei depressiver Verstimmung und zur Appetitsteigerung
  • Multiple Sklerose: Hier hilft es bei der Behandlung von Muskelkrämpfen, sowie bei depressivenVerstimmungen.
  • Chronische und neuropathische Schmerzen: Hier unterstützt es das körpereigene Schmerzabwehrsystem und wirkt stimmungsaufhellend.
  • Grüner Star: Hier kann es helfen, den erhöhten Augeninnendruck zu senken.

Cannabis und seine Antitumor-Aktivität

In den 50er Jahren zum Beispiel, zeigten Cannabinoide in ersten Studien eine direkte Antitumoraktivität. Weitere Untersuchungen identifizierten die chemischen Strukturen von Cannabis, die für die Antitumor-Aktivität verantwortlich sind.

Mit diesen Erkenntnissen wurden weitere synthetische Cannabinoide entwickelt. Diese zeigten wie auch die natürlichen Cannabinoide signifikante Antitumor-Aktivität in Zellen und Tieren. Die starke Antitumor-Aktivität wird auf bestimmte Proteine, einschließlich NFĸB, TNF, COX-2 HAT, FAT und Cyclin-abhängige Kinasen zurückgeführt.

Erste klinische Phase-I Studien an Hirntumoren wurden bereits mit vielversprechenden Ergebnissen durchgeführt. Auch das US-Gesundheitsministerium bestätigte, dass Studien gezeigt haben: „Cannabis tötet Krebszellen“.

Nebenwirkungen

Wie jedes Arzneimittel hat auch Cannabis bestimmte Nebenwirkungen. Das heißt, für einen Patienten kann die muskelentspannende Wirkung sehr angenehm, die appetitsteigernde Wirkung jedoch eher unangenehm sein.

Physische Nebenwirkungen können Mundtrockenheit, Schwindel und Herzfrequenzbeschleunigung
sein.
Psychische Wirkungen sind Euphorie, aber auch das Gefühl des Kontrollverlustes, eine veränderte
Zeitwahrnehmung und Halluzinationen. Beide Arten von Nebenwirkungen sind dosisabhängig und
verschwinden innerhalb von Stunden.

Kontraindikationen

Schwangere und Stillende, ebenso Patienten mit einer Herzerkrankung sollten Cannabis nicht
nehmen.

Rechtliches

Cannabis und seine Produkte unterliegen in Deutschland dem Betäubungsmittelgesetz (BtMG). Can-
nabis steht in der Anlage I, das heißt es ist weder verkehrsfähig noch verschreibungsfähig. 1994 wurde
das Cannabinoid THC, das ursprünglich auch in der Anlage I stand, in die Anlage II umgestuft. Somit
ist es jetzt verkehrsfähig, aber nicht verschreibungsfähig. Ärzten ist unter bestimmten Umständen
der Umgang mit THC erlaubt. In der Anlage III steht das synthetisch hergestellte Nabilon mit
THC-ähnlicher Struktur und Wirkung. Es ist auf Betäubungsmittelrezept erhältlich, muss allerdings aus
Großbritannien importiert werden, da es in Deutschland nicht hergestellt wird. In Amerika ist seit 1987
das Arzneimittel Marinol(r) erhältlich, das den THC-Extrakt enthält. Auch Marinol(r) muss importiert
werden. Außerdem ist es sehr teuer. In Deutschland darf THC seit 1998 unter dem Namen Dronabinol
als Rezepturarzneimittel und neuerdings auh Sativec (THC & CBO) vom Arzt auf einem BtM-Rezept
verschrieben werden.
Der Apotheker rührt dann Dronabinol ölig an, Sativec steht als Fertigarzneimittel in Sprayform zur
Verfügung. Heutzutage wird Cannabis offiziell in einigen US-Bundesstaaten zur Schmerzreduktion,
zur Steigerung des Appetits und zur Verminderung der Schlaflosigkeit bei Krebspatienten eingesetzt.
Literatur:
HC / Dronabinol / Marinol Efficacy Trial of Oral Tetrahydrocannabinol in Patients With Fibromyal
gia (Wirksamkeitsstudie von oralem Tetrahydrocannabinol bei Patienten mit Fibromyalgie) bei der
Hadassah Medical Organization, Jerusalem, Israel.
Nabilone / Cesamet Efficacy and Safety Evaluation of Nabilone as Adjunctive Therapy to Gaba
pentin for the Management of Neuropathic Pain in Multiple Sclerosis (Beurteilung der Wirksam-
keit und Sicherheit von Nabilon als Zusatztherapie zu Gabapentin bei der Behandlung neuropa-
thischer Schmerzen bei multipler Sklerose) an der Universität von Manitoba, Winnipeg, Kanada.
Nabiximols / Sativex A Study of Sativex® for Relieving Persistent Pain in Patients With Advanced-
Cancer (Eine Studie mit Sativex zur Linderung anhaltender Schmerzen bei Patienten mit fortge-
schrittenem Krebs) in den USA, Großbritannien und Deutschland
Cannabidiol (CBD) Cannabidiol for Inflammatory Bowel Disease (Cannabidiol bei chronisch-ent
zündlicher Darmerkrankung) am Meir Medical Center, Kefar Saba, Israel.
Gerauchter / inhalierter Cannabis Comparing the Effects of Smoked and Oral Marijuana in In
dividuals With HIV/AIDS (Vergleich der Wirkungen von gerauchtem und oralem Marihuana bei
Personen mit HIV/Aids) am Staatlichen Psychatrischen Institut von New York, USA.
Effects of Vaporized Marijuana on Neuropathic Pain (Wirkungen von verdampftem Marihuana auf
neuropathische Schmerzen) am CTSC Clinical Research Center, Sacramen
Dr. med. Friedrich R. Douwes
Facharzt für Innere Medizin
Onkologisch verantwortlicher Arzt
Medikamentöse Tumortherapie
Ärztlicher Direktor